Das Biopharmaunternehmen Biontech plant die Schließung mehrerer Produktionsstätten. Betroffen sein sollen Niederlassungen in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur. Insgesamt könnten bis zu 1.860 Stellen von diesen Plänen betroffen sein. Zu den betroffenen Stätten gehören auch solche, die ursprünglich dem früheren Konkurrenten Curevac gehört haben, davon wären insgesamt rund 820 Stellen betroffen. Im Dezember hatten die Unternehmen die Übernahme von Curevac seitens Biontech bekanntgegeben, das Bundeskartellamt hatte keine Einwände gegen den Zusammenschluss.
Schließung in Tübingen
Aktuell stößt die vorgesehene Schließung des Curevac-Standortes in Tübingen auf Kritik. Diesen will das Management von Biontech bis Ende 2027 aufgeben. Da gehören die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci längst nicht mehr dem Board an: Die beiden hatten im März 2026 ihr Ausscheiden bis Jahresende angekündigt. Sie möchten eine neue Firma gründen, die sich mit der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten auf mRNA-Basis beschäftigt. Curevac-Gründer Ingmar Hoerr wirft dem ehemaligen Konkurrenten Täuschung vor. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) wetterte er: „Ich finde es total unlauter. Das ist schon fast Trickserei meiner Meinung nach, weil wir alle im guten Glauben gehandelt haben, dass die Übernahme im Sinne von Curevac sei und dadurch ein gemeinsames, starkes Unternehmen wird.“ Die Pläne, sich gegenseitig in einem gemeinsamen Unternehmen zu befruchten, seien über den Haufen geschmissen, dadurch seien alle nachweislich getäuscht worden. „Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen“, so die Conclusio Hoerrs.
Ebenso wie die Pharma- und Biotech-Gewerkschaft IGBCE vermutet der Corevac-Gründer als wahres Motiv für die Übernahme die Beendigung der Patentstreitigkeiten zwischen Biontech und Curevac. „Der Kauf von Biontech wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Schritt zur Beendigung der Patentstreitigkeiten auf Kosten der Beschäftigten“, äußerte die Landesbezirksleiterin der IGBCE in Baden-Württemberg, Catharina Clay, gegenüber der dpa. Der Leiter des IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser, sagte, dass „im Konzern offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen haben“. „Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standortes in Deutschland.“
Beide Unternehmen, Biontech und Curevac, standen bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes im unmittelbaren Wettbewerb. Während die Mainzer mit ihrem sehr erfolgreich waren und Milliarden an dem Vakzin verdienten, musste Curevac seinen ersten Impfstoffkandidaten wegen einer vergleichsweise geringen Wirksamkeit aus dem Zulassungsverfahren zurückziehen. Curevac hatte selbst bereits Stellen gestrichen und sich auf die Forschung konzentriert. Seit Ende der Pandemie spürt Biontech den Rückgang der Nachfrage nach Corona-Impfstoffen. Die zusätzlichen Produktionsstätten beklagen eine zu geringe Auslastung, die Kosten steigen. Insofern sei eine Neuausrichtung notwendig, heißt es aus Mainz.
Unterstützung vom Land
Das Land Rheinland-Pfalz hat unterdessen Biontech seine Unterstützung zugesagt, auch wenn Wirtschaftsminister Clemens Hoch die angekündigte Schließung mehrerer Produktionsstätten als „schmerzhaften Einschnitt“ für die betroffenen Regionen sowie die deutsche und internationale Biotechnologiebranche insgesamt bezeichnete. Er betonte gegenüber der dpa allerdings auch, dass das Mainzer Unternehmen ambitionierte Ziele vor allem in der Krebsforschung und bei innovativen Therapien verfolge. Die langfristige strategische Ausrichtung von Biontech zeige, dass die Phase der Konsolidierung auch eine Grundlage für zukünftiges Wachstum sein könne. Das Land will weiterhin gezielt in Forschung, Hochschulen und Innovationsnetzwerke investieren, kündigte Hoch an.
Copyright Foto: IMAGO / GE-Foto
